Mehr von demselben

warum Schimpfen gar nicht hilft

 
 
 
Schimpfen hilft ja nichts. Egal, wie viel und wie laut ich schimpfe: die schöne Vase bleibt zerbrochen, das Loch bleibt in der neuen Hose, die sechs in Mathe bleibt eine. Ich hab das wirklich probiert. Es ändert sich nichts. Und trotzdem schimpfe ich, wenn’s schlimm kommt den ganzen Tag.
 
Natürlich ändert schimpfen doch etwas, aber anders als gedacht. Es ändert nämlich was bei mir. Je länger ich schimpfe und mich empöre, umso schwieriger wird es, wieder auf den Teppich zu kommen und den Blick auf etwas anderes zu richten. Man kann sich in seinen Ärger richtig reinsteigern. Blöd nur, dass dann meistens die Menschen den Ärger abkriegen, die damit gar nichts zu tun haben.
 
Ist es nicht merkwürdig, wie unflexibel wir da sind? Wir schimpfen „das hab ich dir schon tausendmal gesagt“ – ja, und offenkundig nichts gelernt! Wenn es schon tausendmal nicht funktioniert hat, warum sollte es dann jetzt klappen? Wir versuchen es immer wieder auf die gleiche Weise mit „mehr von demselben“. Schließlich haben wir das schon immer so gemacht. Leider hat es ganz oft auch schon immer nicht gut funktioniert. Mal etwas Neues wäre sinnvoller, aber darauf kommen wir einfach nicht.
 
Das liegt natürlich daran, dass wir einfach nicht denken können, wenn wir wütend oder gestresst sind. Und eigentlich wissen wir das ja auch, aber – eben: wenn wir wütend sind …
 
Aus diesem Grund ist wichtig, eine Vision zu entwickeln, ein inneres Bild davon, wie wir es besser oder mal anders machen könnten. Eine Auszeit gehört ganz sicher dazu; ein Gebet vielleicht; bis zehn zählen, bevor ich reagiere – vielleicht sogar ein Tee oder ein Kaffee. Bei mir persönlich hilft ein Blick in den Spiegel – da seh ich dann, wer wirklich etwas ändern kann oder wer wirklich verantwortlich ist, es dem anderen leicht oder schwer gemacht hat, …
 
Im Stress oder im Zorn greife ich oft wieder zu „mehr von demselben“, aber mit einem Plan B steigt die Wahrscheinlichkeit, doch mal etwas zu ändern. Was kann da schon passieren? Im schlimmsten Fall funktioniert es nicht. Das wäre ja nicht so schlimm - Schimpfen funktioniert schließlich auch nicht.
 
Was aber immer funktioniert ist, tief durchatmen und sich selbst Mut zu lächeln. Und dann gewinnen wir vielleicht die Kraft, hinzuschauen und zu erkennen oder zu erahnen, was aus der Situation zu machen sein könnte. Und vielleicht erweist sich „dasselbe“ ja als ganz sinnvoll und wir müssen es nur ein kleines bisschen aufpeppen… Denn am Ende des Tages geht es ja darum, es beim nächsten Mal besser zu machen und da ist Liebe sicher die bessere Ratgeberin als Geschimpfe.
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: Canva.com