Normal
wird auch anders

Vor fünf Jahren hatten wir Corona. Wir waren vorsichtig, kämpften mit Ängsten und Lockdowns und wünschten uns alle die Rückkehr zur Normalität. Da sind wir heute wieder.
Die Normalität ist allerdings jetzt eine andere als vor Corona. Aber viele Dinge sind genauso zurückgekommen – volle Straßen, unhöfliche Menschen in Läden und Geschäften, freche Kinder im Schulbus, … Oder etwa nicht. Natürlich ist auch die gelebte Freund- und Nachbarschaft zurück – der Schwatz am Gartenzaun, die Gartenparty und Überraschungsbesuche mit viel Gelächter. Manches ist für immer weg, manches ist neu.
Videokonferenzen sind heute Standard – sowas gab es in vielen Bereichen vor Corona gar nicht. Bei der letzten Kältewelle konnten die Schulen in einigen Bundesländern nahtlos auf Distanzunterricht wechseln. Das ist ja immerhin besser als den kompletten Schulausfall.
Einiges fehlt heute spürbarerr als vor Corona – Menschen, die sich um andere kümmern, fehlen überall, in der Kinderbetreuung, der Bildung, der Pflege – noch immer sind Arbeitsbedingungen und Bezahlung in diesen Berufen überwiegend prekär.
Manches hätte sich auch ohne Corona geändert – der Respekt vor Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Neigung ist heute in weiten Teilen völlig selbstverständlich. Als ist studiert habe, war das Wort „schwul“ ein Schimpfwort, sonst nichts. Da hat sich mehr als nur das Sprachgefühl verändert.
Unsere Vorstellung von Normalität hat sich auch geändert. Ich finde, sie ist weiter geworden. Heute kann ich genauso als Feministin wie als Tradwife leben, ohne dass ich mit schlimmen Diskriminierungen oder Nachteilen rechnen muss. Ja, es stimmt, da ist noch Luft nach oben. Trotzdem gab es vor 50 Jahren völlig andere Verhältnisse – ich hab die Zeit selbst miterlebt!
Wenn sich Normalität aber in so kurzer Zeit ändert, dann ist es auch nicht besonders klug, damit zu argumentieren. „Das ist doch nicht normal!“ ist ein Satz, den wir heute eben nicht mehr so leicht verwenden können. Aber das war auch schon immer der Ausdruck einer Sehnsucht nach einfachen Antworten auf komplizierte Fragen. Mit dem Wort "normal" haben wir Menschen ausgegrenzt, die wir eben für nicht normal hielten, weil sie ein Handicap hatten, eine andere Hautfarbe, andere Vorlieben oder eine andere Religion.
Normalität ist wichtig für das tägliche Leben. Wir brauchen Gewissheiten und Routinen. Normalität ist ja auch so schön kuschelig, da weiß ich, was erwartet wird, da kann ich mich einrichten. Doch genau das sollen wir eigentlich ja gar nicht.
Jesus war doch auch nicht normal. Ich kann mir vorstellen, dass er seinen Zeitgenossen manchmal ganz schön auf die Nerven gegangen ist, mit seiner dauernden Rede vom Reich Gottes. Jesus hat sich über alle sozialen Grenzen hinweggesetzt – feindliche Fremde wie Samariter hat er zum Vorbild gemacht, Besatzern wie dem Hauptmann von Kapernaum hat er geholfen, mit Huren, Zöllnern und Verbrechern hat er gegessen, er hat sich von Frauen (!) anfassen, ja sogar belehren lassen und Kinder in den Mittelpunkt gestellt. „Das ist doch nicht normal!“ das werden viele seiner Zeitgenossen sich gedacht haben.
Jesus war das egal, weil er eine Mission hatte, bei der es um alles ging. Im Reich Gottes ist Normalität wahrscheinlich gar nicht mehr von Bedeutung...
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com





