Scham

das hässliche Gefühl

 

 
 
Wer sich nicht schämt, ist unverschämt. Als ich diesen Spruch zum ersten Mal hörte, musste ich schmunzeln, doch mit einem gemischten Gefühl. Denn das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil: wer sich nicht schämt, ist schamlos. Die meisten von uns sind das aber nicht.
 
Wir schämen uns, wenn wir Fehler machen. Ich schäme mich, wenn ich jemandem Unrecht getan habe, wenn ich jemanden verletzt habe. Ich schäme mich aber auch für Fehler; wenn ich ein Datum verwechselt habe und das schon allen geschickt hatte.
 
Scham ist ein hässliches Gefühl, weil es mir meine Unzulänglichkeit zeigt. Es ist wichtig, weil es mir sagt „hier hast du eine soziale Grenze verletzt und dich nicht an die Regeln gehalten, die bei euch für das Miteinander gelten.“ Wir haben ganz feine Antennen für dieses Miteinander und darum ist Scham auch so hässlich. Es ist wie ein Stopp-Schild. „Achtung“, sagt die Scham uns, „Achtung, wenn du so weitermachst, droht dir der Ausschluss aus deiner Gemeinschaft!“ Ausschluss aus der Gemeinschaft können wir uns nicht leisten. Wir können nicht allein leben, wir brauchen die anderen.
 
Nun bleibe ich aber handlungsfähig, wenn ich mich schäme. Die Scham zeigt mir, dass ich etwas tun muss – mich entschuldigen, das Gespräch suchen, eine Strategie finden, Fehler zukünftig zu vermeiden oder (ganz wichtig) meinen eigenen Perfektionismus etwas zurückschrauben.
 
Anders ist es aber, wenn ich beschämt werde. Wenn mich jemand öffentlich lächerlich macht. Dann bin ich hilflos und wie gelähmt. Dann wird Scham zur Waffe in der Hand meines Gegenübers. Ein Fleck auf dem Pulli muss ja auch nicht öffentlich mit Sätzen wie „oh, da kommt unser Schmutzfink“ kommentiert werden, darauf könnte ich auch unter vier Augen mit einer kurzen Bemerkung aufmerksam gemacht werden.
 
Ich erlebe Beschämung erschreckender Weise oft bei Kindern. Von abwertenden Bemerkungen in der Schule berichten Kinder und Jugendliche. Und wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sind viele beschämende Situationen dabei.
 
Werden wir beschämt, stehen wir sozusagen allein und bloß im Kreis hämisch grinsender Menschen, dann beschädigt uns das, es macht uns klein und wir tun viel dafür, nicht wieder in diese Situation zu kommen. Beschämung manipuliert uns. Und weil das gefährlich erscheint, können wir uns dem nur schwer entziehen. Wir brauchen Kraft und Energie und sehr gern einen liebenden Menschen, um aus diesem Gefühl wieder herauszukommen.
 
Wahrnehmen ohne Bewertung ist eine gute Möglichkeit, Beschämungen zu vermeiden. Es fällt mir oft schwer. Auch das kostet Kraft und Energie. Doch das lohnt sich. Genauso wichtig finde ich es, Menschen beizustehen, die beschämt werden, auch öffentlich. Da muss ich mich nämlich trauen, weil ich fürchte, in gleicher Weise beschämt zu werden. Auch das lohnt sich. Jede Beschämung beschädigt einen Menschen, beschädigt mein Verhältnis zu anderen, beschädigt unsere Gemeinschaft, beschädigt auch mich.
 
Ich finde – wer hätte das gedacht – Jesu Vorbild ermutigend. Der Ehebrecherin, die beschämt dasteht, nachdem nun doch keiner den ersten Stein geworfen hat sagt er: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Es ist dieser Blick in die Zukunft, diese neue Perspektive, die da geöffnet wird. Von jetzt an. Für mich kann auch jeder Augenblick dieses jetzt sein, an dem die Beschämung in meinem Leben an Kraft verliert.
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com