die Ränder

und die Mitte

 
 
Wir sollen „an die Ränder“ gehen – ein Wort von Papst Franziskus. Die Ränder, das sind die Armen. Wir könnten bei Matthäus (Kapitel 25) nachlesen, wer das ist – die Hungrigen, die Durstigen, die Nackten, die Kranke, die Gefangenen – und wir könnten die Einsamen, die Flüchtlinge und Vertriebenen noch hinzufügen; das passt gut. Wir sprechen heute von Werken der Barmherzigkeit. 
 
Das alles sind Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, die einen mehr, die anderen weniger. In der Mitte unserer Gesellschaft unseres Lebens stehen immer wir selbst – das ist ja klar. Und ganz eng bei uns stehen die Menschen, die wir lieben – auch das ist selbstverständlich. Für unser persönliches Leben.
 
In der Mitte unseres sozialen Lebens steht oft das Ansehen. Wir brauchen viel Energie zur Beantwortung von Fragen wie „Was denken die anderen über mich?“, „Wie stehe ich vor den anderen da?“, „Kann ich mithalten?“. Und dementsprechend brauchen wir viel Zeit, um über andere und deren Ansehen zu reden – „Hast du das Auto gesehen? Der muss es ja dicke haben!“, „Also, wer solche Beine hat, sollt wirklich längere Röcke tragen!“, „Er ist einfach so blöd! Der kapiert ja die einfachsten Zusammenhänge nicht!“, „Ach, den hat ich mal auf einer Reise nach Venedig kennengelernt, da war er noch nicht Bankdirektor…“.
 
Nicht selten stehen solche Themen im Mittelpunkt unserer Gespräche, obwohl diese Themen ja eigentlich an den Rand gehören…
 
Wer da nicht mithalten kann, materiell oder intellektuell oder sozial, die oder der steht für uns am Rand. 
 
Das ist nicht so anders als zur Zeit Jesu. Da standen die Menschen im Mittelpunkt, die reich und schön waren. Der Rest stand am Rand – die einen am näheren, die anderen am weiteren Rand. Eine Ausnahme gab und gibt es allerdings: Wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Menschen bloßzustellen, dann stand (und steht) plötzlich jemand vom Rand in der Mitte und kann nichts tun, als die Augen niederzuschlagen. Ich denke da z.B. an die Ehebrecherin, die Jesus eben genau nicht verurteilt.

Für Jesus gab es keine Ränder. Er machte die Ränder zur Mitte. Jesus muss nicht an die Ränder gehen, er lebt dort und er stellt die besonders Verletzlichen und Randständigen – die Kinder z.B. – ausdrücklich in die Mitte. Für Jesus muss unser Leben irgendwie skandalös, anstößig sein.
 
Skandalös ist es nicht, im Wohlstand zu leben und sich um die eigene Familie und die liebsten Menschen zu sorgen. Das hat auch Jesus nicht grundsätzlich kritisiert. Skandalös ist es, alle anderen auszugrenzen, ihnen die Ränder zuzuweisen. Wir wollen die Armen, die Kranken, die Vertriebenen möglichst nicht sehen, wir wollen möglichst keinen Kontakt. Wir teilen ein bisschen von unserem Wohlstand, aber das reicht uns.
 
Menschen in prekären Situationen sehnen sich – das zeigen Studien zu den Sinus-Milieus – nach Teilhabe. Sie brauchen und bekommen Fürsorge, aber wir fühlen uns unbehaglich, wenn „solche“ Menschen Teil unserer Gemeinschaft werden möchten – in Vereinen, in Gemeinden, in der Schule. Menschen in prekären Situationen bringen so viele Talente mit; sie einzuladen, sich einzubringen – trotz aller persönlichen Vorbehalte, die wir eben haben – könnte sich für uns alle lohnen. 
 
Es wäre ein Anfang, die Ränder ein bisschen an die Mitte anzunähern. Dann müssten wir auch nicht so weit gehen – an die Ränder 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: canva.com