"hl. Spekulatius"

ich denke, was du denkst, was ich denke ...

 
 
Wir machen uns Gedanken. Was werden die Nachbarn denken, wenn ich …? Wie sieht das denn aus? Wenn ich das sage, dann bin ich doch sofort unten durch! Das versteht der nicht! Davon will sie nichts wissen! …
 
Dabei verallgemeinern wir Erfahrungen und weiten sie auf alle Menschen aus. Wenn ich einmal betrogen wurde, nehme ich an, dass alle Menschen prinzipiell betrügerisch sind. Umgekehrt machen wir das leider nicht: wenn ich einmal unverdient beschenkt wurde, halte ich deswegen noch lange nicht alle Menschen für großzügig.
 
Gleichzeitig unterstellen wir anderen, dass sie sich so verhalten wie in unseren schlimmsten Befürchtungen. Meine größte Angst ist es, nicht mehr gemocht zu werden. Also nehme ich an, dass mich niemand mehr mag, wenn ich sage, was ich eigentlich zu einem Thema denke.
 
Dass das töricht ist, wissen wir natürlich ganz genau. Doch Teile von uns glauben das nicht, und es hat sich ja auch als kluge Strategie erwiesen, vorsichtig und eher pessimistisch zu sein – damals, also vor sehr langer Zeit, als wilde Tiere noch echte Gefahren darstellten und es wenig Regeln im menschlichen Miteinander gab.
 
Nun leben wir halt nicht mehr in der Steinzeit, und Misstrauen ist keine gute Basis für produktive Zusammenarbeit – Naivität allerdings auch nicht. Unsere Welt ist eben kompliziert. Manchmal kann es nützlich sein, nicht die ganze Wahrheit zu sagen, manchmal ist Teilen und Solidarität berechnend. Das kennen wir alle und es macht uns nicht glücklich.
 
Wir könnten aber Klarheit schaffen. Wir könnten sagen, was wir uns wünschen, ohne gleich den Anspruch zu erheben, das auch zu bekommen. Wir könnten fragen, wenn wir etwas komisch finden, ohne gleich zu werten. Das ist nicht ganz einfach, aber möglich und lohnenswert.
 
Ich könnte ja davon ausgehen, dass mein Gegenüber genauso erwachsen ist wie ich. Dann sage ich, was ich möchte und erwarte das von ihr auch. Und – Überraschung – meistens gibt es da gar keine Probleme; und falls doch, kommen wir eben ins Gespräch. Das wäre eine Chance.
 
Ich könnte mich ja auch vergewissern, ob ich mein Gegenüber richtig verstanden habe. Das würde die Grundlage unserer Beziehung sicher verbessern, inhaltlich wie gefühlt. Nur müsste ich dann aushalten, dass ich vielleicht verstanden wurde, mein Partner aber trotzdem aus guten Gründen anderer Meinung ist. Verstanden ist eben nicht einverstanden. Das wäre auch eine Chance.
 
Im Eifer des Alltags gelingt mir das meist nicht. Da weiß ich oft genug schon, was die andere meint und handle entsprechend. Da nehme ich eine spontane, unbedachte Äußerung als absichtliche Kränkung und ziehe mich schweigend zurück. Das macht es zwar nicht schön, aber einfacher und ich kann ja auch nicht immer über alles diskutieren.
 
Es hilft aber schon viel , wenn ich mir vor einem Gespräch oder einer Sitzung bewusst mache, was mir wichtig ist, was ich befürchte (jaja, großes Wort für ein kleines Unbehagen), worüber ich mich ärgere. Dann hätte ich wenigstens mal etwas mehr innere Klarheit. Und bevor ich mich über etwas ärgere, könnte ich mal nachfragen – nur beim ersten Mal. Das reicht ja oft schon aus und die ganze Stimmung ändert sich.
 
Dazu brauchen wir Vertrauen und das muss wachsen. Es muss aber auch eine Chance für so ein Wachstum geben. Die gibt es nur wenn eine von uns in Vorleistung geht, wenn eine bereit ist einen Vertrauensvorschuss zu investieren und sei er noch so klein. Diese eine könnte ich ja sein.
 
Vertrauen ist eben doch der Anfang von allem, Vertrauen ins Gelingen, Vertrauen in die anderen, Vertrauen in Gottes Beistand und – das vergessen wir ja dauernd – das große Vertrauen Gottes in seine geliebten Kinder.
 
 
 
 
 
 
Text: Andrea Ludwig
Bild: Canva.com